Lydia-Helen Pieles

Warum schützen wir uns noch, bevor jemand wirklich sehen kann, wer wir sind?

Stell dir einen Schmetterling vor, der seine Flügel niemals vollständig ausbreitet, weil er irgendwann gelernt hat, dass seine Farben nicht schön genug sind. Er kann sein ganzes Leben damit verbringen, seine Flügel zu schützen. Doch wie soll er erfahren, wie weit sie ihn tragen können, wenn er niemals wagt, sie auszubreiten?

Bei uns Menschen ist es ähnlich – wir tragen so viele Farben, Facetten und Anteile in uns. Und doch zeigen wir manchmal nur den Teil von uns, von dem wir glauben, dass er willkommen ist.

Vielleicht haben wir irgendwann die Erfahrung gemacht, dass bestimmte Gefühle, Bedürfnisse oder Persönlichkeitsanteile nicht willkommen waren, dass wir damit zu viel, zu laut, zu anders oder nicht gut genug erschienen. So haben wir Schutzstrategien entwickelt, um jene Anteile von uns zurückzuhalten, mit denen wir uns einst nicht angenommen oder sicher fühlten.

Doch was uns einst geschützt hat, kann uns heute daran hindern, wirklich in Kontakt zu kommen – mit anderen und mit uns selbst. Denn während wir versuchen zu verhindern, dass andere unser wahres Sein erkennen, halten wir auch uns selbst davon ab, es in seiner ganzen Vielfalt kennenzulernen. Und damit nehmen wir uns die Möglichkeit, unser wahres Potenzial zu entfalten. Denn dieses liegt nicht nur in dem, was wir bereits von uns kennen, sondern auch in dem, was wir uns bisher noch nicht erlaubt haben zu sein.

Deshalb lohnt es sich, Bewusstsein und Verständnis dafür zu entwickeln, wie und warum du dich noch schützt, bevor jemand wirklich sehen kann, wer du bist: Was geschieht, wenn dir jemand zu nahekommt? Wenn es persönlich wird? Wenn du spürst, dass dein Gegenüber etwas von dir sehen könnte, das du selbst kaum zu zeigen wagst? Vielleicht wirst du dann kühl und unnahbar, vielleicht ziehst du dich zurück und hältst emotionalen oder körperlichen Abstand, vielleicht machst du dich kleiner, als du bist, passt dich an, erfüllst die Erwartungen anderer, übernimmst Rollen oder trägst Masken. Oder du versteckst dich hinter Stärke, Wissen, Kontrolle und einer scheinbaren Unverletzlichkeit. So viele Wege, dich zu schützen – und so viele Möglichkeiten, dein wahres Sein wegzumachen.

Es lohnt sich, den Mut zu finden, neue Erfahrungen zu machen.

Es lohnt sich so sehr, zu lernen, dich mit allem, was du bist, sicher genug zu fühlen. Dazu gehört auch, klare Grenzen zu setzen, dir deiner Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten bewusst zu werden und zu erkennen, dass du in jedem Moment die Möglichkeit hast, eine selbstbestimmte Antwort zu geben.

Es lohnt sich, zu entdecken, welche Seiten von dir noch nie wirklich sichtbar werden durften und welche Wahrheit, welche Kraft, welche Wärme, welche Lebendigkeit und welches Potenzial du aus Angst noch zurückhältst.

Es lohnt sich, zu erfahren, wer du hinter all deinen Schutzstrategien wirklich bist.

Du wurdest in göttlicher Perfektion erschaffen, um in deinem einzigartigen DU lebendig zu sein.

Nicht jeder wird die Schönheit deiner Farben erkennen, doch das macht sie nicht weniger schön.

Wann wagst du es, deine Flügel auszubreiten, um zu entdecken, wohin sie dich tragen können?

In Liebe,
Lydia



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